Deutlicher Abstand zur Konkurrenz
Für die französische Präsidentschaftswahl im April 2027 hat die Vorsitzende der Parlamentsfraktion des Rassemblement National (RN) ihre Führung ausgebaut: Zwischen Le Pen und dem jeweils nächstplatzierten Bewerber liegen in der aktuellen Erhebung 18 bis 22 Prozentpunkte. In vergleichbaren Konstellationen fällt ihr Ergebnis um ein bis zwei Punkte höher aus als zuvor.
Einen Verlauf über mehrere Erhebungen beschreibt Sud Radio: Le Pen erreicht nun 36 Prozent, nach 34 Prozent vom 12. bis 14. Oktober und 32 Prozent Ende September. Auf diesem Niveau war zuvor nur Jordan Bardella gemessen worden. Mit Gabriel Attal als einzigem Bewerber des politischen Zentrums steigt Le Pens Anteil auf 38 Prozent.
Auch für die zweite Runde weisen die getesteten Paarungen durchweg Mehrheiten für Le Pen aus. Gegen den früheren Premierminister Édouard Philippe erhält sie 56 Prozent, gegen den Sozialdemokraten Raphaël Glucksmann 57 Prozent und gegen Ex-Präsident François Hollande 59 Prozent. Im Duell mit Attal lautet das Verhältnis 58 zu 42 Prozent, gegen Jean-Luc Mélenchon 68 zu 32 Prozent. Amtsinhaber Emmanuel Macron kann nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht noch einmal kandidieren.
Dabis Deutung und die Grenzen der Erhebung
Ifop-Direktor Frédéric Dabi führt den Anstieg wesentlich auf die Ausschreitungen zurück. Im Gespräch mit Sud Radio erklärte er, nur Le Pen könne aus den Ereignissen vom 17. Oktober politisch Nutzen ziehen. Viele Franzosen sähen in ihr die glaubwürdigste Vertreterin der öffentlichen Ordnung. Ihre Ergebnisse für den ersten Wahlgang seien für sie bislang unerreicht.
Die Befragung begann am Samstag, dem 17. Oktober 2026, um 20 Uhr und endete am 19. Oktober. Damit lief sie während der Unruhen. Nach den methodischen Angaben von Sud Radio handelt es sich um die siebte Welle des "Baromètre de l'élection présidentielle" von Ifop-Fiducial im Auftrag von LCI, Le Figaro und Sud Radio. Online befragt wurden 1.928 registrierte Wähler aus einer Stichprobe von 2.081 Erwachsenen. Die ausgewiesene Fehlermarge beträgt je nach Ergebnis 1,0 bis 2,2 Prozentpunkte.
Nach den Unruhen selbst wurden die Teilnehmer jedoch nicht ausdrücklich gefragt. Dabis Erklärung ist deshalb eine politische Deutung; einen eindeutigen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Gewalt und Le Pens Zugewinnen belegt die Umfrage nicht.
Ausschreitungen, Ausgangssperren und politische Reaktionen
Am 17. Oktober hatten Menschen in ganz Frankreich gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem protestiert. Wie tagesschau.de berichtet, zählte die Regierung rund 550.000 Teilnehmer, während die Gewerkschaft CGT von 800.000 sprach. Bei den Ausschreitungen kam es in zahlreichen Städten zu Plünderungen und schweren Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Nach Regierungsangaben wurden 1.800 Menschen festgenommen sowie 500 Polizisten und Feuerwehrleute verletzt.
In Limoges setzten Randalierer das mehr als 140 Jahre alte historische Rathaus in Brand. Nach Angaben von Präfekt Maurice Barate wurde es zu einem großen Teil zerstört. Die Behörden reagierten in vielen Städten mit teilweisen Ausgangssperren, darunter in Lille, Nizza und Bordeaux, wie das Handelsblatt berichtet.
Für die Gewalt machte die französische Regierung vermummte Linksradikale verantwortlich, die häufig als "schwarzer Block" bezeichnet werden. Unter sie hätten sich Gruppen gemischt, die Premierminister Lecornu als "Kriminelle" bezeichnete, die "plündern und zerstören" wollten.
Le Pen verlangte nach den gewaltsamen Protesten ein härteres Vorgehen gegen Randalierer. Eine Mitverantwortung für die Eskalation schrieb sie Macrons Regierung und deren Einwanderungspolitik zu; sie sprach von einer tiefgreifenden Vertrauens- und Autoritätskrise. Zu den Forderungen des RN gehören strengere Strafen für Gewalttäter und eine bessere Ausstattung der Polizei.
Auch Politiker außerhalb Frankreichs äußerten sich. US-Präsident Donald Trump schrieb am Montag auf Truth Social: "Migranten haben Frankreich übernommen". Er verlangte eine schnelle Schließung der Grenzen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) führte die Gewalt auf Linksextremisten und Migranten zurück.
Mélenchon häufig in der Stichwahl, Ciotti fordert Rückzüge
Wer gegen Le Pen antritt, ist noch nicht vollständig geklärt. Mélenchon von La France Insoumise (LFI) würde nach der Erhebung in fast allen getesteten Konstellationen die Stichwahl erreichen, berichtet 20 Minutes. Einer seiner gemessenen Erstrundenwerte liegt bei 16,5 Prozent und damit vor Philippe; über die verschiedenen Szenarien hinweg erreicht er 15 bis 20 Prozent. Glucksmanns Ergebnisse bewegen sich zwischen zwölf und 16 Prozent.
Philippe hat dagegen deutlich verloren. Ende September kam der frühere Premierminister noch auf 21 Prozent. Als alleiniger Kandidat des politischen Zentrums erreicht er inzwischen 15 Prozent.
Auf der Rechten nutzt Éric Ciotti die Umfragewerte für seinen Aufruf zur Einigung. Der Vorsitzende der konservativen Union der Rechten für die Republik (UDR) forderte am Mittwoch seine früheren Parteifreunde Bruno Retailleau und David Lisnard auf, zugunsten Le Pens auf ihre Bewerbungen zu verzichten. Gegenüber Europe 1 sprach er von "Symbolkandidaturen". Retailleau liegt in der Ifop-Erhebung bei fünf bis 7,5 Prozent. Für Lisnard werden sieben Prozent ausgewiesen, wenn er als einziger Vertreter der traditionellen Rechten antritt.
Kassationsgericht soll im Januar entscheiden
Le Pen hat ihre Kandidatur bereits angekündigt, muss aber weiter mit Folgen ihres Strafverfahrens rechnen. Im Juli bestätigte ein Pariser Berufungsgericht die Verurteilung wegen Veruntreuung von Geldern des Europäischen Parlaments. Die Strafe umfasst drei Jahre Haft, darunter ein Jahr unter elektronischer Überwachung, sowie eine Geldstrafe von 100.000 Euro. Ein zusätzlich verhängter Ausschluss von öffentlichen Ämtern für 15 Monate gilt durch die bereits erfolgte vorläufige Vollstreckung als verbüßt.
Gegen das Urteil hat Le Pen Revision beim französischen Kassationsgericht eingelegt. Bis zu dessen Entscheidung ist die Vollstreckung der Haftstrafe ausgesetzt. Der Beschluss wird voraussichtlich im Januar 2027 erwartet. Bleibt die Verurteilung bestehen, könnte Le Pen während des Präsidentschaftswahlkampfs eine elektronische Fußfessel tragen müssen. Wie eine solche Maßnahme konkret umgesetzt würde, hätte der zuständige Strafvollstreckungsrichter zu bestimmen.






